„Ich hab ein Problem mit meinen Nachbarn,“ sage ich dem Telefon.

„Weil sie bauen?“ fragt meine Mutter verständnisvoll.

Eigentlich hat sie Recht. Tatsächlich beschwere ich mich seit zwei Monaten regelmäßig über den Baulärm, der mit etwas Pech bereits morgens um 7 Uhr beginnt. Kann man sich eigentlich über unchristliche Zeiten beschweren, wenn man nicht zur Kirche gehört? Die Baufirma musste anscheinend nicht wegen Corona schließen was ja irgendwie gut ist. Meine Freude hält sich aber in Grenzen, besonders wenn sie noch bis Ende des Monats weitermachen wollen.

Andererseits haben die Nachbarn aktuell keine Fenster sondern nur riesige Löcher, und kann man tatsächlich wütend auf Menschen sein, die im Februar keine Fenster haben (auch wenn es selbst verschuldet ist)?

„Nee, andere Nachbarn.“ Es wären noch ein paar zur Auswahl, so dicht wie München besiedelt ist.

Zum Beispiel der Nachbar hinter mir, der von seinem Fenster im 1. Stock perfekt in mein Fenster im Erdgeschoß sehen kann, und der seit einigen Wochen bewaffnet mit einer hellen Schreibtischlampe von Zuhause arbeitet.

„Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und hochgucke, dann ist er direkt in meinem Blickfeld! Aber ich guck ja nicht absichtlich zu ihm! Er ist halt genau da, wo ich hingucke!“

Möglicherweise gibt es größere Probleme auf der Welt, aber bei mir gerade nicht. Wenige Dinge sind unangenehmer als ungewollter, peinlicher Blickkontakt.

„Wer wohnt denn da?“ fragt meine Mutter, die seit dem Lockdown definitiv zu wenig Sozialkontakte hat.

„Ein Mann in den Dreißigern, glaub ich. Oder eine Frau in den Zwanzigern, das kann man so schlecht erkennen. Hey, hör auf zu lachen!!“

Wenigstens einer von uns hat Spaß. Der nette Mann im Apollo Optik hatte gesagt, er würde mir schon eine Brille verkaufen wenn ich unbedingt eine will, aber eigentlich brauche ich noch keine. Noch. Ob ich vielleicht einfach müde sei, wenn ich Probleme mit dem Sehen habe?

Lieber Optiker: Ich bin immer müde. Inzwischen weiß ich nicht, ob das schon immer so war (behaupte das aber grundsätzlich und im Brustton der Überzeugung) oder ob das erst durch die Depressionen so gekommen ist. Meine Tabletten wirken angeblich anregend, aber davon merke ich absolute nichts. Auf der anderen Seite trinke ich auch mal gerne einen Liter grünen Tee und lege mich danach wieder ins Bett. Mein Körper hat offensichtlich keine Ahnung was Koffein überhaupt ist.

„Geh doch mal rüber und stell dich vor!“ schlägt meine Mutter vor. Sie hat definitiv zu wenige Sozialkontakte und eine zu viel zu hohe Meinung von mir. An manchen Tagen sehen mich nicht mal meine Mitbewohner. Ich bin ziemlich introvertiert.

„Ja klar, und dann frag ich ob sie vielleicht eine Katze haben, und ob sie die für mich tagsüber ins Fenster setzen könnten!“

„Au ja!“

Foto einer Katze, die aus dem Fenster blickt
Der ideale Nachbar (Photo by Sabine Reza on Unsplash)

Naja, so eine Katze wäre es fast wert, sich fremden Leuten (die bestimmt viele Fragen dazu haben, ob seltsame Positionen beim Lesen helfen) vorzustellen. Auf der Liste wären dann auch noch die Nachbarn vorne schräg rechts. Es hat nur sechs Monate Detektivarbeit gebraucht, bis ich endlich herausgefunden habe, dass das die Besitzer des großen roten Katers sind, der im Sommer gerne in mein Zimmer spaziert und sich zu mir ins Bett legt.

(Die Detektivarbeit war tatsächlich ein zufälliger Blick zum Haus, wo der Kater im Fenster saß und mich unbeeindruckt musterte.)

„Alternativ könnte ich natürlich auch einfach den Vorhang zumachen,“ schlage ich enthusiastisch vor.

Meine Mutter seufzt. Sie erinnert sich jetzt wieder daran, wen sie da groß gezogen hat. „Oder so.“

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